Caresse-moi


Abir Kobeissi 2021

Taschentücher sind intime Dinge, Gegenstände persönlichen Gebrauchs. Es geht nicht um funktionale Papiertaschentücher, deren einzige Aufgabe die Hygiene ist. Es geht um das klassische Stofftaschentuch, das zwar ebenfalls der persönlichen Körperpflege dient, zugleich aber viel mehr bedeuten kann. Wie oft wurde beispielsweise mit dem Taschentuch in Literatur, Film oder im Leben gewunken? In welchen Romanen des 19. Jahrhundert spielt ein verlorenes Taschentuch eine Rolle? Parfümierte Taschentücher, seidene Taschentücher als Liebespfand, Taschentücher mit dem Blut von Rebellen… So wird aus dem weißen oder bunten Stück Stoff ein Andenken an eine persönliche Geschichte.

Die im Libanon geborene Künstlerin Abir Kobeissi greift diese Beziehung zwischen Objekt und Subjekt, Taschentuch und Besitzerin oder Besitzer auf. Sie macht aus den einzelnen Tüchern eine vielsagende Installation. Schon der französische Titel (es gibt eine enge persönliche Bindung zur französischen Sprache), übersetzt mit „streichel mich“, bringt eine körperlich-sinnliche Komponente ins Spiel. Er verweist auf das Bedürfnis nach Nähe und Berührung. Diese war in Zeiten der Pandemie strikt eingeschränkt. Der Entzug körperlicher Nähe war und ist nicht nur ein Thema der Geschlechter, er ist universell, was die Schutzmaßnahmen gegen die Verbreitung des Corona-Virus drastisch erfahrbar machte. Das Verknoten der Taschentücher zu Schnüren, die eine Art Vorhang bilden, spricht zugleich vom Verlangen nach Zusammenhalt. Es geht nicht nur um die individuelle Verbindung, sondern ein Miteinander vieler Menschen, ein sprichwörtliches „Verknüpfen“. So wie auf Taschentüchern häufig Initialen gestickt sind, hat Abir Kobeissi ihren Namen und eine Handynummer eingestickt. Mit Caresse-moi gibt die Künstlerin zugleich ein persönliches Statement. Es ist ein Bekenntnis zur menschlichen Nähe und Empathie.

Text: Jochen Meister

Abir Kobeissi, Caresse-moi 2021
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