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Ich bin Abir Kobeissi und ich brauche keinen Galeristen

Abir Kobeissi-2020-https://vimeo.com/384766775

Wir bewegen uns in der Regel in vordefinierten Räumen, in denen wir uns mit dem Übertreten ihrer Schwellen gleichsam in vorformulierte Strukturen und Gesetzmäßigkeiten hineinbegeben, deren Angebot wir zeitgleich unbedenklich heiter unterschreiben. Doch wie lautet der Titel des Automatismus, der die Funktion kulturell sozial etablierter Leitsysteme suggeriert? Unmerklich sichtbar zu betreten oder mit Sicht auf klar gefasste Fassaden, Türen und Fenster, hat es sich bisweilen ganz verloren, das Anthropozän in den Innenräumen, seiner selbst geschaffenen Baulichkeiten. Es bleibt nur wenig übrig, wenn sich Angebot und Absicht des Raumes, von Markt und Verwertbarkeit überfrachtet, nicht mehr von Produkt und Zeugnis unterscheidet, sich Selbiges austauscht, ausstirbt und sich dabei klinisch am Leben erhält. Soll ein Mensch sich dorthin hineinverpflichtet fühlen? Wohin wollen wir fliehen, wenn Orte fremd und unvermittelt bleiben und nicht mehr versprechen, als die Vereinbarung einer totalitären Einverleibung?

Abir Kobeissi hingegen verzichtet auf Einverleibung. Sie braucht keinen Galeristen. Sie schafft sich lieber heterotopisch, salutogenetisch, ihre eigene Welt. Nur heute und nur hier in diesen Räumen, in Küche, Bad und Schlafzimmer und Garten – verwandet sie ihr Privatestes in einen foucaultschen[wirklichen, wirksamen Ort… als Gegenplatzierung, Widerlager, tatsächlich realisierte Utopie, in der die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen ein Ort außerhalb aller Orte, wiewohl er tatsächlich geortet werden kann.]  Und stülpt so ihr Innerstes nach Aussen, rückt Intimes, Verborgenes, Tabuisiertes, Persönliches ganz neu ins Licht. Geteilte Scheinbarkeiten, die uns längst umgeben und zur greifbaren Überführung munter abverwaltet wurden. So wird bereits Geburt von allen Seiten parametergleich beleuchtet, ein untersuchtes von der Wissenschaft begleitetes, nicht unvorhersehbares Phänomen. Auch unser Gencode ist bisweilen kontrolliert und jeder Atemzug ist quantifiziert. Wir sind durchwoben von sichtbaren, transparenten bis hin zu undurchschaubaren klandestinen Fäden. Einzig allein unsere Bedürfnisse des Überlebens – Abir kennt die Spuren des Krieges – und auch unsere Träume des nicht Überlebens – Abir kennt die Höhen und Tiefen –  wähnen sich scheinbar in der freien Entscheidung unseres täglichen Handelns. Können wir uns dem entziehen? 

Die Bahnen in denen wir uns bewegen sind statisch und zugleich fluide. Nichts davon zählt wenn wir uns auf eine Krise hinbewegen, aber was hält uns in Krisen? Das Selbst, das Gegenüber oder gar der Staat? Drei Muster gibt es darin zu erkennen: den Angriff, die Flucht und die Ohnmacht. Keine davon wählt Abir Kobeissi. Sie schafft sich selbst eine Option, die privat und zugleich offen, viral geteilt und Überwindung fordert. Doch vielleicht auf beiden Seiten, vielleicht gibt es Überwindung für Jeden von uns, mal bewusst und dann wieder schleichend. Wusstest du was dich erwartet? Kannst Du aus Deiner Haut dich reissen? Kreise und Kontakte bestimmen das Werk, nur mit Dir und Euch und uns allein und auch in Nachbarschaft, kann Überwindung zur Neubestimmung, Neuverortung, gar Neugesinnung werden. Eine unabhängige Konstante gegen jede Antithese des freien Willens soll heute Einzug halten. Es lebe das Wunder von Abir – geboren im täglichen Tun und Schaffen. 

Text: Nele Ka 2020.